Ich bin gut zu Vögeln

Ich habe ja nichts unversucht gelassen, um hier an einen ehrlichen Job zu kommen. Kellnern, Bartender, Rezeption, Datenerfassung, Marketing-Managment (mal was ganz anderes), Schnapshändler, Au Pair (a la Babynator), Akten sortieren, Pizza liefern, Gemüse in der Küche schnippeln, Heuballen stapeln, Hochsicherheits-Server beim Geheimdienst warten: wäre alles cool gewesen.

Fazit: Habe meine Freunde und Bekannten in die Spur geschickt – Ergebnis: Casual Waiter Job. Not too bad. Aber damit kann man noch nicht allzu viel anfangen. Klinkenputzen und persönliches Vorsprechen auf eigene Initiative – Ergebnis: noch‘n Casual Waiter Job. Joa, läuft. Habe mich online beworben. Ergebnis: zahlreiche Absagen oder sogar (was mich noch mehr nervt) gar keine Antwort. Aber da war noch was. Eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bei einer … Promotion-Firma! In Surry Hills (also im Herzen der Stadt)! Tadaaaa!

Ja, genau. Das sind diese Leute, die einem am Kudamm auflauern, auf einmal wie Robin Hood aus dem Großstadtdickicht hervorbrechen und einem für die Rettung des vom Aussterben bedrohten grüngescheckten Breitmaulbrüllflugbibers mit Donnerwetterstreifen das Geld aus den Rippen leiern wollen. Aus Mangel an Alternativen habe ich das Angebot erstmal angenommen. Hach, was tut man nicht alles … Die Truppe dort ist jedenfalls sehr cool drauf, man bekommt ein paar Sachen dazu beigebracht, wie man völlig fremde Menschen in ein Gespräch verwickelt (durchaus nützlich, wie ich finde, der ich mich in diesem Gebiet eher zu den unterdurchschnittlich Begabten/Interessierten zähle) und lernt die ganze Sache mal von der anderen Seite kennen. Ob mir das liegt, werde ich bald wissen. Bis jetzt jedenfalls bin ich mäßig erfolgreich und übe mich in der Kunst des Optimistisch-Bleibens.

Surry Hills jedenfalls ist ein netter Ort. Hier steppt täglich der Bär, wenn Menschen aus allen sozialen Schichten durch die Straßen rasen, rennen, hasten, hetzen und hecheln, schlendern, schleichen und schlurfen, wandern, wieseln, gurken, gammeln und gehen (um mal einen Günter-Grass-artigen Satz rauszukloppen – schönen Gruß, Günni, alte Hütte!). Ein paar Eindrücke aus diesem Bezirk findet Ihr unten in der Galerie.

Doch am Wochenende hat sich hier noch ein absolutes High-Light ereignet: Nichtsahnend wandere ich vom Fundraising durch die Straßen auf dem Weg nach Hause, um mich dort für meinen nächsten Job frischzumachen, als ich am Boden etwas liegen sehe. Einen kleinen Vogel! Der noch lebt!!! Unfassbar, denk ich mir. Nach einigem Hin und Her mit einem Eingeborenen fasste ich mir schließlich ein Herz und nahm den kleinen Racker mit nach Hause, weil Mama zwar nach dem Burschen rief, ihn aber offenbar nicht finden konnte.

Woody aka Woodstock der tollkühne Platform-Diver

Woody aka Woodstock der tollkühne Platform-Diver

Süßer Fratz. Hab‘ ihn „Woodstock“ getauft. Er fand mich so toll, dass er in seinem provisorischen Nest (einer zerschnittenen Cornflakes-Packung, die ich mit Klopapier ausgelegt hatte) angefangen hat, einen Mordsradau zu machen, als ich zur Arbeit war. Als ich ihn wieder in der Hand hatte, war er wieder cool drauf. Leider wollte er sich von mir nicht füttern lassen, und ich konnte auch nach mehrfachem Durchschauen entsprechender Bilderdatenbanken nicht sagen, um welche Art es sich bei dem Vogel überhaupt handelt, ob er sich ausschließlich von Beeren und Blüten oder etwa dem vom Aussterben bedrohten grüngescheckten Breitmaulbrüllflugbiber mit Donnerwetterstreifen ernährt. Dumme Sache. Wenigstens Wasser mit etwas Zucker darin wollte er aus dem Eierbecher trinken.

Nach einer mäßig erholsamen Nacht (hatte ich schon erwähnt, dass Woodstock einen Mordsradau gemacht hat, wenn ich ihn nicht in der Hand hatte? Mit ‘nem Vogel in der Hand schläft es sich aber so schlecht …), die der fiepende Woody und ich gemeinsam durchleiden mussten, machte ich mir um den Wicht echte Sorgen. Wie lange, fragte ich mich, kann so eine zarte Kreatur wohl von Zuckerwasser, Luft und Liebe leben? Vermutlich nicht besonders lange. Doch die Rettung nahte in Form von Peter, dem alten Haudegen, den ich zwar seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, mit dem ich aber wohl verabredet war. Nach einigen misslungenen Anrufen bei verschiedenen Tiertrettungsstellen fanden wir in der Nähe einen Tierarzt, der auch sonntags offen ist und Woody gerne aufnehmen wollte. YES! Nach 24 Stunden in meiner gleichermaßen liebevollen wie ahnungslosen Obhut konnte Woody endlich kompetenten Händen übergeben werden. Und ich konnte mit Peter beruhigt einen Kaffee trinken gehen und die letzten zehn Jahre eingehend besprechen.

Alter Falter. Drei Jobs, Schlafmangel und‘n Vogel. Naja, siehe oben, wa?

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